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Denn uns ist ein Kind geboren

Trümmerlandschaft, kalter Rauch von niedergebrannten Häusern, Leichengestank. Finster ist es, lange bevor die Sonne untergeht. Und totenstill. „Da zieht einer durch das Land, bedrückt und hungrig. Und es geschieht, weil ihn hungert, ergrimmt er, und er flucht seinem König und seinem Gott, und er blickt nach oben. Und er schaut zur Erde, und siehe, da sind Angst und Finsternis, Nacht voller Drangsal und Finsternis, ohne Glanz. Denn hat nicht Nacht, der Angst hat? Er hat Schmach gebracht über das Land Sebulon und das Land Naphtali“ (Jesaja 8,21-23a).
Das ist Gottes Gericht. So tief, dass es die Menschen verstockt. Jesaja enthüllt jenen schauerlichen Weg, auf dem der vom Gericht betroffene Mensch sich selbst das Gericht Gottes auf das Haupt flucht. Immer weiter treibt ihn der Hunger in die Verstockung. So zieht er in seiner Bedrängnis durch das Land. Die Ohnmacht des Königs wird offenbar, der nicht helfen kann. Selbst der König kann nicht mehr helfen. Aber auch Gott will nicht helfen. Und so steigert sich der Verstockte in das tödlich Gericht hinein. Denn der Fluch gegen den König und gegen Gott sind todeswürdige Verbrechen. Jetzt wird Wirklichkeit, was Jesaja bereits bei seiner Berufung gesagt wurde, dass er die Verstockung predigen muss. Verzweiflung! Angst! Später schreit es der Prophet hinaus, was wir als erstes Lied singen wollen: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ (Jesaja 63,19).
„Um die frühere Zeit hat er Schmach gebracht über das Land Sebulon und das Land Naphtali, aber zu zur letzten Zeit bringt er Ehre über das Gebiet der Meeresstraße, die von jenseits des Jordans zum Heidengau, zum Galiläa der Heiden führt“ (Jesaja 8,21-23a).
Jetzt greift Gott ein. Jesaja darf die Verwandlung der Geschichte verkünden. Der „früheren Zeit“ des Gerichts tritt jetzt die „letzte Zeit“ gegenüber, in der Gott Herrlichkeit und Ehre schenken wird. Ein Rätselspruch. Wer das Gericht brachte, wird nicht gesagt. Wer das Heil bringen wird, wird nicht gesagt. Aber es kann nicht daran gezweifelt werden, dass es beide Mal Gott selbst ist. Er bringt Gericht und Heil. Es ist Gottes Heiligkeit, die das Land mit Glanz und Herrlichkeit erfüllen wird, ja mehr noch, die ganze Erde. Das Wort vom Gericht ist nicht das letzte Wort. Sein eigentliches Werk ist das seiner Herrlichkeit.
Die Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes sind keine Vertröstung auf ein besseres Jenseits. Es wird ein ganz bestimmter Ort genannt, wo es beginnen soll: Sebulon und Naphtali. Für Jesaja war der Zeitpunkt noch nicht klar, sondern nur der Ort. Wir wissen heute, dass es eben Sebulon und Naphtali waren, wie Jesus, das Licht der Welt, zu wirken begann. So bezeugt es uns Matthäus, der dieses Jesajawort mit der Wirksamkeit Jesu in Verbindung bringt. Und Johannes jubelt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit!“ (Johannes 1,14).
Jochen Klepper dichtete: „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und-schuld. Doch wandert nun mit allen, der Stern der Gotteshuld.“ Er hat dieses Lied in den schweren Jahren des NS-Regimes gedichtet. Sein Zeitgenosse, der Göttinger Alttestamentler Volkmar Herntrich hatte auch die Wirren des Krieges durchlebt. Er schrieb zu diesem Text: „Die Gerichte Gottes, die über das Land ergehen, sind Unterpfand dafür, dass hier und an keiner anderen Stelle der Beginn der zukünftigen Herrlichkeit sein wird. … [Der Prophet] darf in großer Gewissheit das kommende Heil verkünden, da hoffend, wo der Mensch in der völligen Finsternis verzweifelt.“
„Das Volk, das in Finsternis wandelt, sieht ein großes Licht über den Bewohnern des Landes der Schatten leuchtet Lichtglanz hell auf“ (Jesaja 9,1).
Wir sind in Kapitel 9 angekommen. Die letzten Verse von Kapitel 8 bereiten Kapitel 9,1-6 vor. Aber etwas ändert sich grundsätzlich. Die ganz bestimmte Ortsangabe fehlt hier. Jetzt darf das Heil hinausgerufen werden in die ganze Welt. So weit hinaus, wie die Finsternis reicht, soll das Licht dringen. So weit das Unheil wütet, soll alles heil werden. So weit der Tod herrscht, das Leben siegen. So weit der Fluch reicht, der Segen fließen, wie es in dem englischen Weihnachtslied „Joy to the World“ in der dritten Strophe heißt: „He comes to make his blessings flow far as the curse is found“, „Er kommt, lässt fließen Segensflut, soweit der Fluch sich find“. Der Fluch hat viele Gesichter. Finsternis ist überall dort, wo Gottes ordnendes und schöpferisches Handeln nicht ist. Sie ist freilich auch sein Werk (Jesaja 45,19), eben sein fremdes Werk, das seines Richtens und Verwerfens. Wenn Gott seine Ungnade über den Menschen ausgießt, wird es für sie finster (Psalm 69,24). Im Land der Finsternis ist „stockfinster und dunkel ohne alle Ordnung“ (Hiob 10,21), der Ort, wo das Verbrechen überhandnimmt (Hiob 24,16). Das „Land der Schatten“ ist nicht zuletzt das Totenreich. Der Tod ist das schreckliche Gesicht des Fluches, unter dem alle Menschen stehen. Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti schrieb:
Mitten wir im Leben sind vom Tod umfangen
wen wundert’s, dass wir weinen, dass wir klagen?
Die Not ist groß, die Not ist groß, im Todesschatten
wie liebt man da, wie liebt man da, wie leidet man,
wie sehnt man sich nach einem Halt, nach einem Licht,
nach einem Ort, der Trost verspricht.
Mitten da hinein kommt das Heil. Volkmar Hertrich schreibt: „Was Jesaja hier verkündigt, ist nichts anderes als ein zweiter Schöpfungsakt Gottes. Noch einmal leuchtet über der chaotischen Finsternis, die über dem Land, [ja, der ganzen Welt] lastet, das helle Licht Gottes auf, so wie es eins über der Weltennacht des Chaos aufgeleuchtet ist. Man kann Jesaja 9,1 nur im Zusammenhang mit 1.Mose 1 und Johannes 1 verstehen.“ „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht!“ (1.Mose 1,1) – „Über den Bewohnern des Landes der Schatten leuchtet Lichtglanz hell auf!“ (Jesaja 9,1) – „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht überwältigen. Das Wort, Jesus, war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen“ (Johannes 1,4-5.9). „Das Heil ist die Wiederkehr des ersten Anfangs. Das große Licht ist hier wie das Zeichen des Handelns und der Gegenwart Gottes, die das Ende des Chaos bedeute und den Anfang der neuen Schöpfung.“
Wir Menschen sind ganz und gar verloren und dem Tod verfallen. Wir können nichts tun, was das Licht heraufführen würde. Wir ziehen nur immer wieder die Finsternis des Gerichts auf uns herab. „Das Licht steigt nicht langsam am Horizont auf, sondern es blitzt wie vom Zenit her mit einem Schlage über der Finsternis auf. Im Blick auf die Menschen ist kein Wort zu sagen von Glauben, Buße und sittlicher Läuterung. Das Kommen des Heils hängt in keiner Weise von dem ab, was die Menschen für das Kommen dieses Heils tun.“ Das macht den Jubel so groß:
„Du lässt aufklingen, den Jubel, schenkst große Freude, dass sie sich freuen vor dir, wie man sich freut in der Ernte, wie man jubelt beim Beuteausteilen. Denn das Joch seiner Last und den Stab auf seiner Schulter, den Stecken seines Treibers hast du zerbrochen wie am Midianstage. Denn jeder klirrend einherstampfende Schuh und jeder Mantel, in Blut gewälzt wird zur Flamme, eine Speise des Feuers“ (Jesaja 9,2-4).
Beginnen wir mit dem zweiten Bild: Die Worte, die die brutalen Springerstiefel und den blutgetränkten Soldatenmantel beschreiben, sind Fremdworte aus dem Assyrischen. Es geht um geschichtlich ganz konkrete Feinde, nämlich die Assyrer. So wie Springerstiefel und Soldatenmantel vernichtet werden, werden auch ihre Träger durch den Brand des göttlichen Gerichts vernichtet werden. Der Tag des Heils ist gleichzeitig auch der Tag des Gerichts.
Das erste Bild ist das vom „Midianstag“. Der „Midianstag“ ist der Tag, an dem Gideon gegen die Midianiter. Mit einer kleinen Schar besiegte er sie mit dem Schlachtruf „Für den Herrn und für Gideon!“ (Richter 7,20). Aber das Heil, das in der letzten Zeit kommt, ist nur das Bild. Es geht weit über das hinaus, was damals geschah. Es geht nicht nur um die Befreiung des Gottesvolkes, sondern Gott schafft etwas ganz Neues. Er zerbricht das Joch, das der Menschheit auf den Schultern liegt. Und das lenkt den Blick hinüber zu dem Kind im Stall, von dem es heißt, dass die „Herrschaft auf seiner Schulter liegt.“
Singen wir nun von diesem Kind!
„Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt: Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedefürst.“
Die vier Doppelnamen sind so aufgebaut, dass sie immer eine weltliche und eine göttliche Seite haben. Bei den ersten zwei Namen steht die göttliche Seite am Anfang, bei den letzten zwei Namen steht die weltliche Seite am Anfang. „Wunder“ sind immer das, was Gott wirkt. Deshalb steht bei zweiten Namen für das Kind auch „Gott“ an erster Stelle. „Ewig“ sagt etwas über die über alle irdischen Grenzen hinaustretende Dauer seiner Herrschaft. Und der „Friede“ ist das Geschenk Gottes, das vollkommen „Alles-ist-gut“, unangetasteter Wohlstand, Zeichen des messianischen Reiches.
Nicht weniger wichtig ist die weltliche Seite dieser vier Namen. Der Messias ist Staatsmann (Ratgeber), Kriegsheld, Patron (Vater) und Fürst. Er wird Fürst genannt, weil in der Bibel nur Gott König genannt wird. Fürst bezeichnet immer einen Menschen, hier auch den Messias als Menschen, der anstelle von Gott regiert.
In der Theologie wird vieler darüber debattiert, ob das Reich Gottes hier und jetzt auf dieser Erde für Israel aufgerichtet wird, oder erst drüben im Himmel. Die Doppelnamen zeigen, dass es ein Sowohl-als-Auch ist. Was durch den Messias geschehen ist und geschieht, durchbricht alle Grenzen. Von Jesu Himmelfahrt, bevor er sich zur Rechten Gottes setzte, lesen wir: „Und die zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel? Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat. Aber: Ihr werdet euch Kraft nehmen, immer wieder neu, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen sein wird! Und ihr werdet, immer wieder neu, meine Zeugen sein … bis an das Ende der Erde!“ (Apostelgeschichte 1,6-8). Durch Jesu Heilswerk, Menschwerdung, Sterben und Auferstehen, hat das Reich Gottes begonnen. Durch seine Mission wird es ausgebreitet. Bei seiner Wiederkunft vollendet.
„Dass er aufrichte die Herrschaft und des Friedens kein Ende sei auf dem Throne Davids und in seinem Reich, dass er es aufrichte und stütze mit Recht und Gerechtigkeit von nun an auf ewige Zeit. Der Eifer des Herrn Zebaoth wird solches tun“ (Jesaja 9,6).
Das Gründen, Mehren, Stützen und Aufrichten der Herrschaft ist nicht das Werk der Menschen. Das alles geschieht durch den Messias. „Es geschieht aber auf dieser Erde.“ Gottes Handeln hat zwei Seiten: Er ist dem treu, was er Israel geschenkt hat, besonders David, dem er einen Davidssohn verheißen hat, der für immer auf dem Thron Davids herrschen wird. Und sein Heil geht weit über das hinaus. „Es geht um die Wiederkehr des göttlichen Anfangs. Wie sollte es da nicht um ‚die Fülle der ganzen Erde gehen,‘ [dass nach Jesaja 6,3 die Herrlichkeit und Ehre Gottes alles erfüllen werden]? Ja, um mehr als das? Jesaja 11 fasst die Wiederkehr des Paradieses ins Auge. Gott bringt seine Schöpfung heim.“
Martin Heißwolf
Die Übersetzung der Jesajatexte sowie viele Gedanken dieser Besinnung stammen von Herntrich, Volkmar: Der Prophet Jesaja: Kapitel 1-12 (ATD 17), 3. Aufl., 1957.
