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Siehe, ich mache alles neu!

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Auszüge aus dem Vortrag, den Jürgen Moltmann am 10.1.2007 an der Augustana-Hochschule gehalten hat:

„Der Gott der Hoffnung“: Das ist einzigartig. Nirgendwo sonst in der Welt der Religionen wird Gott mit der menschlichen Hoffnung auf die Zukunft verbunden. Der Gott, der im Himmel ist, der Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit derselbe ist, der ist bekannt. Aber ein Gott der Hoffnung, der vor uns ist und uns voran geht, den gibt es nur in der Bibel. Gott, der nicht nur „ist“ und nicht nur „war“, sondern der auch „kommt“, ja der uns aus der Zukunft entgegenkommt, das ist neu.

Das ist der Gott des Exodus Israels aus der Gefangenschaft, der seinem Volk in der Wolkensäule bei Tage und in der Feuersäule bei Nacht voranzieht.

Das ist der Gott der Auferweckung Jesu, der im Feuer und Sturmwind des Heiligen Geistes die Seinen in das ewige Leben führt, das Leben der zukünftigen Welt.

Dieser Gott erwartet uns und kommt uns aus seiner Zukunft entgegen. Im verheißenen Land will er bei seinem Volk wohnen. In der Neuschöpfung aller vergänglichen Dinge will er bei allen Menschen wohnen. „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5), lautet die große Einladung zu seiner Zukunft. Wer das erwartet und darauf hofft, dem öffnen sich in seiner Lebensgeschichte immer neue Horizonte. Wir sind bereit, aufzubrechen und von Neuem anzufangen.

Der Christusglaube ist ganz und gar – und nicht nur in der Adventszeit – zuversichtliche Hoffnung, Ausrichtung nach vorn und ein Leben in Erwartung des Kommenden. Zukunft ist nicht etwas am Christentum, sondern das Element seines Glaubens, der Ton, auf den alle seine Lieder gestimmt sind, die Farben der Morgenröte, in der alle seine Bilder gemalt werden. Denn Glaube ist dann Christusglaube, wenn er Osterglaube ist. Glauben heißt, in der Gegenwart des auferstandenen Christus zu leben und sich nach dem kommenden Reich „wie im Himmel so auf Erden“ auszustrecken. In der Erwartung des kommenden Christus machen wir die alltäglichen Erfahrungen des Lebens: Wir warten und eilen, wir hoffen und dulden, wir beten und wachen, denn wir wissen: Wir werden erwartet, an jedem neuen Morgen, an jedem neuen Tag, und wenn wir sterben, wissen wir, dass Jesus am anderen Ufer steht und uns zum Fest des ewigen Lebens in der zukünftigen Welt erwartet.

Wie kann man von einer Zukunft sprechen, die noch gar nicht eingetreten ist? Wie kann man von kommenden Ereignissen berichten, bei denen doch keiner dabei gewesen sein kann? Sind das nicht haltlose Wunschträume oder Angstvisionen? Nein: Die Hoffnung der Christen spricht nicht von der Zukunft an sich und überhaupt. Wir gehen von einer bestimmten geschichtlichen Wirklichkeit aus und kündigen deren Zukunftsmächtigkeit an. In ihrer Hoffnung sprechen Christen von Jesus Christus und seiner Zukunft. Sie wollen nicht mit irgendeiner Zukunft, sondern mit seiner Zukunft leben. Ihre Hoffnung gründet in der Erinnerung an das Kommen Christi, seine Geburt, sein Leben, seinen Tod und seine Auferweckung von den Toten. „Erinnerung“ ist ein zu schwaches Wort „Vergegenwärtigung“ und „Eingedenksein“ sind stärker. Die Begründung aller Zukunftserwartungen in der Person und Geschichte Christi ist der Prüfstein für alle utopischen und alle apokalyptischen Geister in der Gemeinde Christi.

Aber diese Vergegenwärtigung Christi eröffnet weite Horizonte in der Zukunft der Weltgeschichte und der Geschichte der Natur. Wie der gekreuzigte Christus aufgrund seiner Auferstehung Zukunft bei Gott hat, enthält alles, was wir über Christus sagen, Hoffnung auf die Zukunft, die er von Gott her bringen wird. Glaube ich an Christus, dann hoffe ich schon auf sein kommendes Reich. Der Glaube an Christus macht darum zum Aufbruch bereit, um ihm entgegenzuleben.

Wir erfahren jedoch seine Gegenwart schon in Wort und Geist, in Taufe und Abendmahl, in Gemeinde und in den Armen und Kranken. Und gerade je intensiver wir seine Gegenwart hier erfahren, desto mehr rufen wir „Maranatha, komm Herr Jesu, komm bald“ (Offb 22,20). Das ersehnte Kommen Jesu heißt griechisch „Parusia“, lateinisch „adventus“ und wird deutsch mit dem Wort „Zukunft“ übersetzt.

Gottes Verheißungen, die unsere Hoffnung erwecken, treten oft genug in Widerspruch zur gegenwärtig erfahrenen Wirklichkeit. Im Leben der Christen treten Gegenwärtiges und Zukünftiges, Erfahrungen und Hoffnungen tatsächlich in Widerspruch zueinander. Warum? Weil zwischen beiden die Erinnerung an die Kreuzigung Christi durch die Mächte dieser Welt steht. Erst hinter dem Kreuz geht die Sonne auf. Erst jenseits des Kreuzes Christi bricht die Morgenröte der neuen Welt Gottes an. Christliche Hoffnung ist kein Optimismus, der den Erfolgreichen bessere Tage verspricht. Wer auf Christus hofft, dem wird das Ende zum neuen Anfang. Sein Hoffen wird zu einer Lebenskraft gerade dort, wo sonst nichts mehr zu hoffen ist. Calvin hat das zu Hebr 11,1 in seiner Zeit so ausgedrückt:

„Uns wird das ewige Leben verheißen – aber uns den Toten. Man verkündet uns selige Auferstehung – inzwischen sind wir von Verwesung umgeben. Gerechte werden wir genannt – und doch wohnt in uns die Sünde. Wir hören von unaussprechlicher Seligkeit – inzwischen werden wir von unendlichem Elend erdrückt.  Was würde aus uns, wenn wir uns nicht auf die Hoffnung stemmten, und unser Sinn auf den durch Gottes Wort und Geist erleuchteten Wegen mitten durch die Finsternis hindurch über diese Welt hinauseilte.“

In dieser Hoffnung erfahren wir aber auch Vorzeichen und Vorbilder des kommenden Reiches Gottes. Wenn die Kräfte der zukünftigen Welt“ (Hebr 6,5) in uns einströmen, erleben wir Heilungen der Seele und des Leibes. Kraft dieser Hoffnung werden wir sogar zu Mitarbeitern am Reich Gottes in dieser Welt. Durch Jesus ist das kommende Reich schon so nahe herbeigekommen, dass wir es nicht mehr nur erwarten, sondern auch schon nach ihm trachten können. Es ist uns so nahegekommen, dass wir das Reich und seine Gerechtigkeit und seinen Frieden zum Ziel unseres Handelns machen können.

Der Glaube ist für sein Leben auf die Kraft der Hoffnung angewiesen. Die menschliche Vernunft gewinnt durch die Hoffnung die Wachheit aller Sinne. Wenn das wahr ist, dann liegt das Elend des Unglaubens im Verlust der Hoffnung und die menschliche Vernunft wird unvernünftig, wo es nichts mehr zu hoffen gibt. „Sünde“ ist nicht zuerst ein moralischer Fehler, sondern – wie das deutsche Wort sagt – eine Absonderung von Gott und vom Leben, das Gott gibt. Man sagte zwar gern, der Ursprung aller Sünden sei der Hochmut, mit dem Menschen sein wollen wie Gott. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wer will das heute schon? Die andere Hälfte der traurigen Wahrheit ist viel weiter verbreitet: es ist die Trägheit des Herzens, die Traurigkeit der Sinne, die Verzagtheit, der Kleinglaube.

Gott hat den Menschen erhöht und ihm Aussicht ins Freie und Weite eröffnet, aber Menschen bleiben zurück und versagen sich. Gott verheißt die Neuschöpfung aller Dinge, aber Menschen glauben, dass doch alles beim Alten bleibt. Gott erwartet viel von uns, aber wir trauen uns nur wenig zu. „Nicht so sehr die Sünde stürzt uns ins Unheil als viel mehr die Verzweiflung“, sagte der Kirchenvater Chrysostomos. Seit dem Mittelalter beginnen alle Lasterkataloge mit der acedia, der Traurigkeit, der Trägheit der Herzen.