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Impuls zum Monatsspruch Januar 2026

Inhalt

Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
5.Mose 6,5

Deu 6,4-5: „4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist Einer. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

An diesem Glaubensbekenntnis können wir zuerst bereits von der Form lernen wie Glaube entsteht. Glaube entsteht durch Horchen und während des Horchens. Und Glaube wird bestätigt und gestärkt durch Horchen und während des Horchens. Ich verwende gerne das Wort „horchen“, weil es mehr ausdrückt als bloßes „Hören“ und weil es den Zusammenhang zum „Gehorchen“ herstellt.
Denn der, der uns ruft und zu uns spricht, ist auch der, der uns die Ohren geschaffen hat (Psa 94,9). Er ist der allmächtige, souveräne Gott, der uns alle Morgen das Ohr weckt, das wir wie Jünger hören mögen (Jes 50,4b). Ohne dass er spricht, kann keiner hören, keiner wissen, keiner glauben. Wenn er spricht, kann keiner nicht hören, keiner nicht wissen.
Das Glaubensbekenntnis beginnt nicht mit „Glaube!“ oder „Wisse!“, sondern mit „Horche und gehorche!“

Jahwe ist Einer. Das ist keine Wahrheit, die zu verstehen wäre, sondern es ist eine Liebe, der wir uns hingeben sollen. Das ist die tiefste Bedeutung des ersten Gebots: Wohl gibt es machtvolle Götter, aber für Israel gilt: „Außer mir, sollst du keine anderen Götter haben!“ (Exo 20,3). Jahwe „ist der einzige Gott für sein Volk und hat deshalb das Recht auf die ungeteilte Liebe seines Volkes … Wer Jahwe von ganzem Herzen liebt und ihm allein dient, hat keine Zeit für andere Götter“ (Egelkraut 1992, 215).

„Von ganzem Herzen“

„Von ganzem Herzen“ heißt, dass die Intelligenz ganz Gott gehören soll. Das Herz ist im Alten Testament vor allem der Ort des hörenden Verstehens und des gehorsamen Planens. Gott lieben heißt, mit einem hörenden und gehorchenden Herzen auf ihn horchen. Beim Lesen der Bibel, beim horchenden Beten, bei Hören einer Predigt, im Gespräch mit anderen Christen. Wer das nicht tut, mag Gott mit seinen Gefühlen lieben, der mag wunderbare Zeiten der Anbetung erleben, aber er liebt Gott nicht „von Herzen.“
Fragen wir uns, prüfen wir uns immer wieder: Wieviel Zeit verbringe ich mit dem Horchen auf Gott? Womit verbringe ich mehr Zeit? Was soll sich ändern?
Muss Liebe nicht spontan sein, damit sie Liebe ist? Wer so fragt, spricht von einer romantischen, gefühlsorientierten Liebe. Mit „von ganzem Herzen“ ist aber etwas Anderes gemeint, nämlich, dass wir unser Leben danach planen und formen, wie wir Gott am besten gehorchen können.
Verlangt Gott blinden Gehorsam? Er verlangt zu recht ganzen, nicht aber blinden Gehorsam. Er bricht nie unseren Willen, wie Eltern das manchmal tun, sondern er beruft uns dazu, dass wir ihm unseren Willen in Liebe hingeben, seine Willen zu dem unseren machen, wie wir es im Vaterunser beten sollen: „Dein Wille geschehe!“

Blinder Gehorsam umgeht den Willen,   gehorcht ohne zu denken, ersetzt das ethische Urteil, spricht nicht die Intelligenz an, sondern blinde Instinkte, ist Gehorsam gegen den eigenen Willen. Biblischer Gehorsam spricht den Willen an und will ihn gewinnen, ist Gehorsam mit und durch Denken, verlangt das ethische Urteil, verlangt nach Liebe „aus ganzem Herzen“, ist ganzer Gehorsam, nie aber Gehorsam gegen den eigenen Willen.

Das Alte Testament hat natürlich nicht die Kraft, Herzen zu schaffen, die so gehorsam sind. Das Gesetz des Alten Testaments kann das nur fordern.

„Von ganzer Seele“

„Seele“, im Hebräischen auch „Kehle“, beschreibt den Menschen als nimmersattes, immer bedürftiges Wesen. Gen 2,7 sagt wörtlich, dass der Mensch eine „lebende Kehle“ wurde. Wir brauchen! Vom ersten bis zum letzten Atemzug.
Gott „von ganzer Seele“ zu lieben, heißt also, dass wir ihn mit unserer ganzen Bedürftigkeit lieben. Wir sollen ihn damit lieben, dass wir alles, was wir existenziell brauchen, nur von ihm erbitten.
Abgötterei ist nicht nur, dass wir außer Jahwe andere Götter haben. Das viel tiefere Problem ist die tief in unseren alten Herzen verwurzelte Abneigung gegen Gottes Hilfe. Aber außer der Hilfe von Gott gibt es keine Hilfe. Für nichts! Oder mit Worten des Neuen Testaments: „In keinem andern ist Hilfe, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den uns soll geholfen werden“ (Apg 4,12). Normalerweise übersetzen wir hier mit „Heil“ oder „Rettung“, obwohl beide Übersetzungen möglich sind. Zu viele Christen verstehen diesen Vers nur als eine Ansage über die Rettung von Sünde, Tod und Hölle. Nach dieser „Rettung“ sagen oder denken sie: „Danke für die Rettung, danke für’s Grobe, das, was ich nie geschafft hätte. Ab hier übernehme ich dann wieder.“ Was für ein verzweifelter Stolz spricht doch aus dem Sätzen: „Danke, aber nein danke!“, „Wir brauchen nichts!“, „Das können wir selber.“, „Damit wollen wir dich nicht belästigen.“ Im Schwäbischen gibt es den groben Satz: „Er lässt sich ums Verrecken nicht helfen.“ Doch Jesus will unser Retter-Helfer sein, von Anfang bis ganz zum Schluss und in Allem. Oder gar nicht!

Es ist eine Frage des Gehorsams, dass wir ihm in allen Dingen vertrauen. Vor allem mit den geringsten. Wie schwer fällt es meinem stolzen Herzen, wenn ich selbst für die kleinsten Dinge bitten muss. Je älter ich werde, umso weniger verurteile ich die Bitterkeit alter Menschen, mit der sie sagen: „Man kann auch gar nichts mehr selber machen. Bei allem muss man sich helfen lassen. Für alles fragen.“ Der auf den ersten Blick schöne Satz von Corrie ten Boom: „You can never learn that Christ is all you need until Christ is all you have” ist ein Zeugnis dafür, wie tief der Stolz in unseren Herzen sitzt. Glaube heißt, dass wir alles von Gott erbitten, uns allein auf ihn verlassen. Dazu müssen wir uns „demütigen und alle unsere Sorgen auf ihn werfen (1Pe 5,6-7). Gott lieben „von ganzer Seele“ heißt, dass wir uns in unserer ganzen Bedürftigkeit auf ihn verlassen. Habt Ihr schon einmal einen Hirsch röhren gehört? Ein existenzieller Urschrei ist das. „Wie der Hirsch nach frischem Wasser lechzt, röhrt, [weil er sonst stirbt!], so lechzt, schreit, röhrt meine Kehle, meine Seele, Gott, [allein] zu dir“ (Psa 42,2).

Die Anbetung der ersten drei Bitten des Vaterunsers findet ihren Höhepunkt in der vierten, dem Schrei nach dem existenziellen Minimum, (dem Lebensmittelanteil des Mindestlohns), dem täglichen Brot, dem Brot von der Hand in den Mund. Und Gottes Reich beginnt an keinem anderen Ort als an unserem tiefsten, existenziellen Mangel. Das ist die Grundlage für die sogenannte „vorrangige Option Gottes für die Armen“ (Sobrino 1985). Und nichts ist mehr nach seinem Wohlgefallen, als dass wir ihn ganz, „von ganzer Seele“ lieben.

„Mit all deiner Kraft“

Wir haben gerade gelernt, dass das grundlegende Element der menschlichen Natur Schwachheit ist, Armut und Bedürftigkeit. Wir sind nicht Geist, der gehört Gott, sondern Fleisch, nicht ewig, sondern sterblich, moralisch eben nicht gut, sondern schwach und verderbt. Wie kommt es nun, dass das Glaubensbekenntnis des Alten Testaments am Ende doch noch von der Kraft spricht? Die Antwort ist sehr einfach: Das ist ein Übersetzungsfehler.
Das Hebräische meint „extrem“ oder „übermäßig“. Wir sollen Gott extrem lieben, 150-prozentig, ganz und gar. Die jüdische Auslegungstradition hat dieses Wort immer als eine ernste Warnung gegen alle Lässigkeit, gegen alles „take it easy“ verstanden (Philippson 1966, 581). Vielleicht ist die Übersetzung „mit allem Fleiß“ am besten.[1]
Dieser letzte Teil kann für reiche Christen eine große Herausforderung sein. Reichtum kommt mit Lauheit daher (Offb 3,16-17), mit Toleranz (Hos 12,8-9). Das reiche Mittelstandschristentum ist so sehr geplagt von der Sünde der „Mittelmäßigkeit“, es ist so schrecklich langweilig maßvoll! Die Tage von Oswald Chambers „Mein Äußerstes für sein Höchstes“ scheinen vorbei zu sein. Halbe Kraft voraus bringt uns auch in den Himmel. NEIN!
Nur an einem Punkt sind wir nicht halbherzig: beim Geld. Das jüdische Traktat Becharot (9,5)[2] erklärt, dass „Kraft“ hier „Besitz“ und „Vermögen“ meint. „Mit all deiner Kraft“ wäre dann mit „Mit deinem ganzen Geld“ zu übersetzen. Opfern und Spenden ist ein Akt der Liebe für Gott! Was für eine Herausforderung für reiche Christen! „Sacrifice is the ecstasy of giving the best we have to the One we love most.” „Opfer ist der ekstatische Höhepunkt, dass wir das Beste, was wir haben, dem geben, den wir am meisten lieben“ (Hannah Hurnard in Bezzina 2012, 37).
Für diejenigen, denen das zu radikal ist: Ich habe nur eine Sorge, dass ich nicht radikal genug bin. Jesus hat die Kirche unserer Tage gewarnt: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. … Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und erziehe ich. So sei nun eifrig und kehre um!“ (Offb 3,15-16.19).

Quellen
Bezzina, Christopher Felix. 2012. A Journey to the High Places: Hannah Hurnard’s Spirituality and the Song of Songs. Eugene, OR: Wipf and Stock Publishers.
Egelkraut, Helmuth (Herausgeber). 1992. Das Alte Testament: Entstehung – Geschichte – Botschaft, dritte Auflage. Gießen und Basel: Brunnen Verlag.
Philippson, Ludwig (Herausgeber). 1866. „An die Rabbinen, Lehrer und Alle, die ein offenes Herz für das Judenthum haben“ In Allgemeine Zeitung des Judenthums: Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse, herausgegeben von Ludwig Philippson und H. Lotze (Chefredakteur), Bäumgärtners Buchhandlung. Band 30: 579-582.
Sobrino, Jon. 1985. Christology at the Crossroads: A Latin American Approach, achte Auflage. Maryknoll: NY: Orbis Books.


[1] An folgenden Bibelstellen wird dieses Wort so verwendet: Psa 112,1; 119,4.167.

[2] Teil des Babylonischen Talmud, abgeschlossen um 425 v. Chr..