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Kalenderblatt: Erster protestantischer Gottesdienst in Brasilien

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10.3.1557: Erster protestantischer Gottesdienst in Brasilien. Obwohl die päpstliche Bulle Inter caetera von 1493 die „neue Welt“ unter Spanien und Portugal aufteilte, besetzte der hugenottische französische Vizeadmiral Nicolas Durand de Villegagnon, ein vom Katholizismus konvertierter Calvinist, 1556 mit einer kleinen Flotte aus zwei Schiffen, 600 Soldaten und hugenottischen Siedlern die kleine Insel Sergipe in der Guanabara-Bucht, an der heute Rio de Janeiro liegt. Er erbaute das Fort Coligny und gab dem entstehenden Festlanddorf den Namen Henriville. Ziel war es, so der französische Ethnologe Jean de Léry in seiner Histoire d’un voyage fait en la terre du Brésil zum einen hugenottischen einen Ort zu geben, an den sie fliehen konnten, zum anderen, um dort zu missionieren.
Die entstehende Kolonie France Antarctique, verstärkt durch calvinistische Siedler aus Genf, war anfänglich zu klein, als dass die Portugiesen von ihr Notiz nahmen. Doch 1560 gab die portugiesische Regierung aus politischen Gründen den Befehl zur Vertreibung der Franzosen. Fort Coligny erlag nach nur die drei Tagen der Übermacht von 26 Kriegsschiffen und 2000 Soldaten, doch die Siedler flüchteten mit Hilfe der verbündeten Indigenen auf das Festland. Generalgouverneur Estácio de Sá, dem Gründer von Rio de Janeiro gelang 1567 die endgültige Vertreibung der Franzosen.
Bei dem ersten protestantischen Gottesdienst am 10.3.1557 predigte ein französischer Hugenotten-Prediger, vermutlich war es Jean de Cointa, über Psalm 27,3: „Wenn sich schon ein Heer wider mich lagert, so fürchtet sich doch mein Herz nicht. Wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn.“
„Le dimanche suivant, qui estoit le dixième de Mars, nous fûmes descendus au fort de Colligny, où Villegagnon nous receut avec grande joie. Et le mesme jour, après avoir fait nostre priere et chanté quelques pseaumes, l’un de nous fist un sermon sur le pseaume 27, verset 3: Si des camps s’assemblent contre moy, mon cœur ne craindra point; si guerre s’eslève contre moy, en luy je me fieray“ (Léry, Histoire).
Sah der Hugenotten-Prediger das Unheil schon kommen? In Psalm 27 geht es um den Feind aus dem Inneren. Auch in France Antarctique es war nicht der Feind von außen, der die Hugenotten bedrohte. Die Kolonie zerfiel von innen, wie Léry in den letzten zwei Kapiteln seines Werkes beschreibt. Villegaignon kehrte zum Katholizismus zurück und verfolgte Andersdenkende grausam:
„Villegagnon […] se détourna de l’Evangile […] et nous persécuta cruellement, nous traitant comme hérétiques. […] Il devint un tyran […] nous forçant à renier notre foi, et fit exécuter plusieurs des nôtres“ (Léry, Histoire, Kapitel 8).
Léry und andere Hugenotten flohen 1558 zuerst zu den Tupinambá, deren Ethnografie den Hauptteil seines Werkes ausmacht. Nach einer dramatischen Rückreise erreichte er 1558 Frankreich. Das Buch endet mit einer Reflexion über die gescheiterte Utopie, gescheitert fast ein Jahrzehnt vor der endgültigen Vertreibung der Franzosen. Und er vergleicht dort den, so er, kulturell bedingten und nicht aus der Grausamkeit geborenen Kannibalismus der Tupinambá mit den realen Gräueltaten der Europäer (zum Beispiel Türken, Spanier in der Neuen Welt und vor allem die Religionskriege in Frankreich wie die Bartholomäusnacht).  Der Satz schließt mit dem Vergleich ab und dreht die „Zivilisations“-Hierarchie um: „… beaucoup plus barbares que les Sauvages mesmes“ „… viel barbarischer als die Wilden selbst.“
 
Quellen:
De Léry, Jean: Histoire d’un voyage fait en la terre du Brésil, 1580, Volltext frei online: https://fr.wikisource.org/wiki/Histoire_d%E2%80%99un_voyage_faict_en_la_terre_du_Br%C3%A9sil/Texte_entier#CHAPITRE_VI vom 25.2.2026.
Whatley, Janet (Übersetzerin): History of a Voyage to the Land of Brazil, 1990.