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Impuls zum Monatsspruch Mai 2026

Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele.
Hebräer 6,19, Monatsspruch für Mai 2026
„Anker“ kommt in der ganzen Bibel nur bei der Schiffbruchserzählung in Apg 27 dreimal vor, und hier, ein einziges Mal, im übertragenen Sinn. Israel ist kein seefahrendes Volk und die Rede vom Anker als Sinnbild der Hoffnung ist der Bibel fremd. Warum bringt der Autor des Hebräerbriefs hier dieses Bild aus der Schifffahrt?
Hat der Schreiber des Hebräerbriefes dieses Bild aus der klassischen griechischen Literatur? Dort kommt es an verschiedenen Stellen vor:
In seiner Tragödie Helena lässt Euripides (485/484-406) Helena über den Tod ihres Mannes Menelaos klagen: „Und der eine Anker (alle anderen Angehörigen hat die in der Fremde, in Ägypten, Lebende bereits verloren), der allein mein Schicksal hielt, [nämlich] die Hoffnung, dass mein Gatte einst kommen und mich von meinen Leiden erlösen würde – der ist nun dahin; er ist tot, er existiert nicht mehr.“
In Sophokles‘ (406/405-406/405) Fragmenten (623) findet sich der Spruch: „Kinder nämlich sind für den Mann ein Anker des Lebens.“
Und Pythagoras (570-495) sagt: „Reichtum ist ein schwacher Anker; ein noch schwächerer Anker ist der Ruhm. Welche Anker aber sind stark? Weisheit, Großmut und Tapferkeit sind die Anker, die kein Sturm erschüttern kann.“
Es mag sein, dass der Schreiber des Hebräerbriefs so belesen war, dass er das Bild von dort her kannte. Damit ist aber immer noch nicht die Frage beantwortet, warum er sich nicht eines der alttestamentlichen Bilder für Hoffnung bedient, etwas der Fels, die Burg, der Schild, die Bogensehne.
Wenn man davon ausgeht, dass der Jakobusbrief früh, vielleicht sogar schon im Jahr 45 entstanden ist, könnte der Hebräerbriefschreiber etwa im Jahr 60 dieses Bild von dort bekommen haben. Jakobus schreibt vom zweifelnden Menschen, dass er einer Meereswoge gleicht, die vom Winde getrieben und bewegt wird (Jakobus 1,6). Das nun ist ein Bild aus der Seefahrt. Wie kommen Gewissheit und Beständigkeit in das Leben von zweifelnden, wankelmütigen Menschen? Wie wird das Herz fest, sodass es sich nicht mehr von fremden Lehren umtreiben lässt (Hebräer 13,9)? Hebräer 13,9 beantwortet diese Frage: „Das geschieht durch Gnade!“ Wie aber werden Christen so beständig, dass sie die Gnade nicht verlassen und wieder gesetzlich werden? Das ist das Thema des Hebräerbriefes. Weder die Liebe des Ehepartners noch die Treue der Kinder, auch nicht die edlen Tugenden eines Menschen können letztlich die Sicherheit geben, die einem Anker gleicht.
Christen haben die Hoffnung wie einen Anker, der festgemacht ist im Allerheiligsten. Das ist der Ort, in den Christus als der wahre Hohepriester eingegangen ist, nicht mit dem schwachen und vergänglichen Blut von Opfertieren, sondern mit seinem eigenen Blut. Das ist der Ort, wo er eine „ewige Erlösung“ erworben hat (Hebräer 9,12).
Woher kann man das wissen? Gott hat es erstens gesagt und dazu noch zweitens durch einen Eid bekräftigt. „So sollten wir durch zwei unwiderrufliche Taten, bei denen Gott unmöglich täuschen konnte, einen kräftigen Ansporn haben, wir, die wir unsere Zuflucht dazu genommen haben, die dargebotene Hoffnung zu ergreifen“ (Hebräer 6,17-18).
Und wenn man das nicht glauben kann? Das ist eine gute Frage. Der Schreiber des Hebräerbriefs erwartet sie geradezu. Mehr noch, er setzt voraus, dass Menschen sicher nicht so einen starken Glauben haben, dass sie das glauben könnten. Deshalb spricht er davon, dass dieser Anker ein Anker für die Seele ist. Die Seele ist der unbeständigste Aspekt des Menschen. Seele heißt Einatmen und Ausatmen, schwach sein, bedürftig sein. Seele heißt, dass den Menschen so schnell die Puste ausgeht. Gerade weil sie so hinfällig sind, auch und gerade mit ihrem Glauben, brauchen sie einen festen Anker.
