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Impuls zum Monatsspruch September 2026

Besser die Fülle einer Hand der Ruhe, als die Fülle beider Hände in Schinderei und Haschen nach Wind.
Prediger 4,6
Das ist ein Bildwort, dass man anschauen und meditieren muss:
Da ist eine Hand.
Geduldig wölbt sie die Handfläche
und hält sie nach oben.
Ganz ruhig wartet sie,
dass der Regen sie füllt,
Tropfen für Tropfen.
Viel ist es nicht, was sie fasst,
aber nichts geht verloren.
Das ist gut.
Da sind zwei Hände.
Gierig tauchen sie in die Quelle.
Übervoll kommen sie heraus.
Und das Wasser zerrinnt zwischen den Händen.
Wie fest sie auch zusammendrücken.
Immer und immer wieder
fahren sie ins Wasser.
Immer und immer wieder
verlieren sie alles.
Alles.
Eine Schinderei ist das.
Und eine sinnlose Schinderei dazu,
als wolle man den Wind einfangen.
Das ist nicht gut.
Das gute Leben gelingt denen,
die sich geduldig beschenken lassen.
Und denen nicht,
die sich schinden
und mit beiden Händen raffen.
Das gute Leben gelingt denen,
denen genug auch genug ist.
Wer nie genug kriegen kann,
kriegt auch nie genug.
Dem gelingt das gute Leben nicht.
Diese Verse haben freilich weit über eine persönliche Spiritualität und Beschaulichkeit hinaus tiefe Bedeutung. Sie gelten für Ökonomie und Ökologie. Ein Volk, in dem einige wenige fast alles haben und fast alle fast nichts, geht unter. Eine Welt, in der die mächtigen Völker Ressourcen horten statt teilen, kommt ökologisch an ihre Grenzen.
Wir sehen es doch, Tag für Tag, dass die einen am Mangel verhungern und die anderen am Überfluss krepieren. Ausgmerkelte und Adipöse allesamt. Dass Dutzende von Tierarten tagtäglich aussterben. Für immer. Weil wir die Umwelt in unserer Gier ausbeuten. Bis an den Tod.
Wenn wir es sehen wollen.
Im missiotop-Jahrbuch 2023 findet sich der Aufsatz von Justin Thacker, Eine Theologie des Überflusses und der Gemeinschaft: Auf dem Weg zu ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Thacker schreibt:
Wir unterscheiden zwischen einer Theologie (oder Denkweise) des Überflusses und einer Theologie (oder Denkweise) des Mangels unterscheiden. Dabei ist wichtig, dass es bei diesen beiden Ansätzen nicht in erster Linie um Überfluss oder Mangel an materiellen Gütern geht, sondern vielmehr um Werte, Haltungen und Glaubenssysteme, die mit den vorhandenen Gütern verbunden werden müssen. Damit leugnet eine Theologie des Überflusses keinesfalls unsere ökologischen Grenzen, sondern sie legt nahe, dass wir mit Umweltgütern auf eine andere Weise umgehen könnten.
Das Phänomen der Panikkäufe veranschaulicht diese beiden Ansätze. Die Denkweise des Panikkäufers, die Denkweise des Mangels, geht in etwa so:
o Ich bin mir nicht sicher, ob es genug X für alle gibt.
o Ich bin besorgt, dass ich nicht genug X für die Erfüllungen meiner Bedürfnisse haben werde.
o Deshalb nehme ich so viel X wie möglich, um meinen zukünftigen Bedarf an X zu sichern.
Im Gegensatz geht die Denkweise der Nicht-Panikkäufer, die Denkweise des Überflusses, in etwa so:
o Ich bin mir nicht sicher, ob es genug X für alle gibt.
o Ich mache mir Sorgen, dass nicht alle genug X für die Erfüllung aller Bedürfnisse haben.
o Deshalb nehme ich nur ein Teil von X, (oder auch gar nichts), um sicherzustellen, dass es für alle reicht.
Der grundlegende Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen ist nicht die tatsächliche vorhandene Menge an Gütern, sondern unsere Einstellung dazu. Die Theologie des Mangels sagt uns, dass wir selbstsüchtig konsumieren und anhäufen müssen. Die Theologie des Überflusses sagt uns, dass wir großzügig teilen können. Eine auf Mangel fokussierte Mentalität fördert Individualismus, Egoismus, Gier und Wettbewerb, die unseren Planeten verwüsten – sowohl ökonomisch als auch ökologisch. Im Gegensatz dazu erzeugt eine auf Überflusses fokussierte Mentalität eine gemeinschaftliche, weitherzige Großzügigkeit, die Beziehungen der Fürsorge fördert, sowohl füreinander als auch für die Schöpfungsgemeinschaft.
Allein für diesen Artikel lohnt sich der Kauf dieses Jahrbuches.
Ich sehe hier auch eine gute Anwendung für die weltweite Evangelisation. Eine großer Teil Welt hungert und dürstet nach dem Wort Gottes, bittet um Gesandte, die es ihnen predigen, hat keine Kirchen, wo sie es hören könnten. Während wir im Westen (wieder ist es der Westen) ob des Überflusses an Bibelübersetzungen über die Richtigkeit dieser oder jener streiten, an dogmatischer Adipositas leiden, an unseren Gemeindemitarbeitern krampfhaft festhalten, weil wir sie vermeintlich mehr brauche als der Rest der Welt, Kirchen sich gegenseitig die Schafe stehlen und den Glauben absprechen. Was für eine große Sünde! Was für ein Haschen nach Wind!
Nehmen wir uns die Worte von Papst Franziskus zu Herzen:
Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist. Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben. Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos wiederholt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mk 6,37) (EG 49).
