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Kalenderblatt: Ausreise der ersten Herrnhuter Missionare am 21.9.1732

Wir sind bereit, Sklaven zu werden, wenn wir dadurch nur eine Seele gewinnen können.
Im Jahr 1731 bekommt die Herrnhuter Gemeinde Besuch von Anton Ulrich, der als freigekaufter Sklave mittlerweile am dänischen Königshof arbeitet. In Herrnhut berichtet er über versklavte Menschen, die aus Afrika verschleppt wurden, um in der Karibik unter grausigen Bedingungen Zwangsarbeiten zu verrichten. Erschrocken von den Erzählungen fassen die Zuhörenden nach langem Hin und Her den Entschluss, den Unterdrückten zu helfen. Am 21. August 1732 machen sich schließlich zwei Männer, Leonhard Dober (1706-1766, ein Töpfer aus Franken) und David Nitschmann (1696-1772, ein Zimmermann aus Mähren), auf den beschwerlichen Weg in die Karibik.
Fast mittellos und nur auf ihrer Hände Arbeit angewiesen, machten sich in den Folgejahren Hunderte Sendboten auf den weiten und gefahrvollen Weg über alle Weltmeere und in alle Klimazonen. Gezielt wirkten sie dort, wo sonst noch niemand missioniert hatte. Gezielt suchten sie die Sklaven, Indigene und andere besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen auf. Niemals strebten sie Massenbekehrungen an. Immer galt ihre Aufmerksamkeit dem Einzelnen. Graf Zinzendorf warnte ausdrücklich davor, „ganze Nationen zu bekehren, aber nicht viel Jünger zu machen.“ Er lehrte: „Der unbekehrten Heiden (oberflächliche) Christianisierung ist ein Werk des Teufels und sie werden danach unglücklicher und unseliger.“
Zinzendorf und in seiner Nachfolge den Missionaren der Herrnhuter Brüdergemeine ging es nicht um die systematische Gründung von Gemeinden oder gar Kirchen, sondern um die Gewinnung von „Erstlingen“, das heißt, um die Seelsorge an einzelnen engagierten Christen, die sich dann ihrerseits der Mission widmen konnten: „Wir suchen Erstlinge aus den Nationen, und wenn wir deren zwei bis vier haben, so überlassen wir sie dem Heiland, was er durch sie tun will.“
Folgender Film berichtet eben über dieses Prinzip: First Fruits: Zinzendorf and the Moravians (1982) | Full Movie | Richard Foster | Todd Hoagey
Mission soll vor allem in die Tiefe gehen und nicht in die Weite. Sie soll gute Früchte tragen und nicht rasche Erfolge zeitigen. Zinzendorfs Missionstheologie trägt ausgesprochen moderne, ja ökumenische Züge. Welcher Konfession die bekehrten „Heiden“ sich später anschlossen, war ihm letztlich egal. Er wusste Gott in allen Konfessionen am Werke. Wiederholt und scharf sprach er sich gegen Proselytenmacherei aus. „Wir sollen uns nicht mit Kirchenmachen übereilen unter den Heiden, mit Gemeinen stiften, sondern wir sollen des Heilands (seelsorgerliche) Methoden observieren.“
Gelingt es uns für einen Moment, trotz gebotenen postkolonialen Feingefühls über den Sprachgebrauch des 19. Jahrhundert hinwegzusehen. Dann gibt uns das, was der evangelische Pfarrer und Gründer das Kaiserswerther Diakonissenanstalt Theodor Fliedner (1880-1864) in seinem Buch der Märtyrer schrieb, einen bewegenden Einblick in das Ergehen der erste Herrnhuter Missionare:
Am 29. Juli langte der Neger Anton in Herrnhut an. In einer Gemeindeversammlung theilte er sein Anliegen in holländischer Sprache mit; der Graf war sein Dolmetscher. Er erzählte von dem Elend der Neger, von ihrer Blindheit und von ihren gräulichen Sünden. Viele, sagte er, würden die Botschaft vom Heilande mit Freuden aufnehmen; seine Schwester Anna sehne sich danach. Aber wegen ihrer vielen Arbeiten sei es schwer, ihnen nahe zu kommen, es sei denn, daß der Missionar selbst Sclave werde. Dober und Leupold erklärten, sie wären bereit, Sclaven zu werden, wenn sie dadurch nur Eine Seele gewinnen könnten. Aber ihr Vorhaben fand wenig Beifall in der Gemeinde. Es erschien ihnen als ein gutgemeinter Einfall junger Leute, der nicht auszuführen sei. Der Aelteste, Martin Linner, meinte, die Gemeinde könne seinen Gehülfen Dober nicht entbehren; er selbst war dem Grabe nahe, und gedachte in Dobers Hände sein Aeltestenamt niederzulegen.
So ging ein ganzes Jahr hin; alle Vorstellungen bei der Gemeinde waren vergebens. Da endlich fragte der Graf unsern Dober, ob er damit zufrieden sei, daß man den Willen des Herrn durch das Loos erforsche. Dieser antwortete: für ihn wäre es nicht nöthig; die Gemeinde möge thun, was sie für gut halte. er zog das Loos; es lautete: „Lasset den Knaben ziehen!, der Herr ist mit ihm.“ Jetzt war die Sache entschieden; die Gemeinde bestätigte Dobers Beruf; Linner ertheilte ihm in ihrem Namen den Segen. Leupold zog für dies Mal nicht mit. An seine Stelle war David Nitschmann getreten, der freudig Weib und Kind verließ, um die Mission unter den Negern beginnen zu helfen.
Am 21. August, Morgens drei Uhr, verließen die Heidenboten Herrnhut. Zinzendorf begleitete sie bis Bautzen, wo er ihnen seinen väterlichen Segen ertheilte. Ihre ganze Instruction war, sich in allen Dingen von dem Geiste Jesu Christi leiten zu lassen. Der Graf gab einem jeden einen Dukaten zur Reise; jeder hatte selbst vorher drei Thaler bei sich. Zu Fuße wanderten sie über Wernigerode, Braunschweig und Hamburg Kopenhagen zu. Unterwegs hatten sie manche Einwürfe gegen ihre Vorhaben zu hören. Die meisten hielten eine Mission unter den Negersclaven für unmöglich. Dober pflegte zu antworten: „Ich wundere mich selbst, wenn ich an mein Vorhaben denke; ich kann aber doch nicht anders, als meinem Triebe einfältig folgen, und dem Willen Gottes, wie ich glaube, dadurch dienen.“ Nur die edle Gräfinn von Stolberg in Wernigerode bewies sich ihrem Vorhaben geneigt, und unterredete sich theilnehmend mit ihnen. Sie sagte ihnen: „Gehet hin, und wenn sie euch auch todt schlagen um des Heilands willen, er ist Alles werth!“ Die Brüder langten am 15. September in Kopenhagen an. Auch hier hörten sie die so oft gemachten Einwendungen. Selbst Zinzendorfs Freunde wollten sie nicht unterstützen; sie meinten, arme Europäer wurden wegen der Theuerung der Lebensmittel in Westindien nicht bestehen können. so fragte sie der Oberkammerherr von Pleß: „Wie werdet ihr in St. Thomas durchkommen?“ Sie antworteten: Wir wollen als Sclaven mit den Negern arbeiten.“ Er sagte darauf: „Das könnt ihr nicht; das wird durchaus nicht zugelassen.“ Nitschmann erwiederte: „So will ich denn auf meinem Handwerk als Zimmermann arbeiten.“ – „Wie aber der andere, der Töpfer?“ – Nitschmann gab zur Antwort: „Den will ich schon miterhalten.“
Quellen:
Gedenktage – Evangelische Brüder-Unität
Missionsgeschichte – Evangelische Brüder-Unität
Fliedner, Theodor: Buch der Märtyrer. Verlag der Diakonissen-Anstalt zu Kaiserswerth, 1859; https://zeugen-christi.de/2017/11/29/dober-leonhard-und-nitschmann-david/ vom 20.9.2026.
